Leseprobe „Der Engel Gottes“ – Selias Alptraum

Selia weinte. Nur langsam drangen Rufe, Wiehern und Hufgeklapper aus Richtung Tirane in ihr Bewusstsein. Etwa zweihundert Meter vor ihr überquerte eine schwarzgekleidete Gestalt den Weg, schaute sich kurz um und verschwand im Wald. Kurze Zeit später erschien eine Gruppe von Reitern. Einer von ihnen ritt auf Selia zu, während die anderen dem Flüchtigen folgten. Als der Reiter näher kam, sah Selia, dass es sich um eine junge Frau in einer grün-braun gefleckten Tarnuniform handelte. Sie hielt einen Bogen vor sich, in dem ein Pfeil eingespannt war. Ihr Pferd lenkte sie durch Schenkeldruck und mit ihren Hacken.
Aus dem Wald näherten sich schnelle Schritte unter heftigem Schnaufen. Selia blickte zur Seite. Die schwarze Gestalt rannte durch die lichten Bäume am Wegesrand direkt auf sie zu. Selia stand wie gelähmt. Plötzlich schrie der Mann auf. Ein Pfeil ragte aus seiner Schulter. In zwei Sekunden überwand er die restliche Entfernung zu Selia, zog sie grob auf die Beine und hielt ihr ein Messer an die Kehle.
„Waffe weg, sonst stirbt sie!“, rief er der Reiterin zu, die ihre Waffe schon wieder gespannt hatte.
„Was soll das? Du weißt, dass wir nicht verhandeln?“
„Auch nicht bei Kindern?“, der Mann drückte das Messer an Selias Kehle, bis der kalte Stahl in ihre Haut schnitt und sie leise wimmerte. Ein Blutstropfen ran an ihrem Hals entlang nach unten wo er auf ihr neues Kleid traf. Von dem Moment an fühlte sie keine Angst mehr, keine Trauer, keine Furcht. Als ob der Stoff mit dem Blut all ihre Gefühle aufgesogen hatte. Teilnahmslos beobachtete sie, wie die Reiterin den Bogen fallen ließ. Hinter sich spürte sie das wilde Pochen des fremden Herzens.
„Wenn du sie gehen lässt, bekommst du eine faire Verhandlung.“ Der Mann lachte bitter. Mit einem Plopp ging das Lachen in ein Röcheln über. Seine Hand zuckte. Das Messer schnitt tief in Selias Fleisch. Er kippte zur Seite. Ein Pfeil hatte seinen Hals durchbohrt. Selia versuchte mit ihren Händen die Wunde an ihrer Kehle zu verschließen, doch das glitschige Blut ran durch ihre Finger.
Sie wachte auf. Wie immer berührten ihre Fingerspitzen die lange Narbe an ihrer Kehle.

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